Von Japan in die Schweiz: Entde­ckung der Welt von Isao Taka­hata

Arti­kel von Marie Jolliet verfasst

Du hast viel­leicht schon das Werk von Isao Taka­hata gese­hen, auch wenn du seinen Namen nicht kennst. Er ist tatsäch­lich einer der bekann­tes­ten japa­ni­schen Film­re­gis­seure.

Die letzten Glühwürmchen (1988)

© Akiyuki Nosaka, Shinchosha

Isao Taka­hata ist Mitbe­grün­der des Studio Ghibli, des Studios, das zum Beispiel die berühmte Figur Totoro geschaf­fen hat. Er wurde 1935 in der Präfek­tur Mie im Süden von Honshū gebo­ren, der größ­ten Insel Japans. Als er neun Jahre alt war, während des Zwei­ten Welt­kriegs, wurde die Präfek­tur Okayama, in der er lebte, von den Ameri­ka­nern bombar­diert. Er und seine Schwes­ter muss­ten flie­hen und hatten große Angst. Diese Erfah­rung prägte seine Welt­sicht und die Art und Weise, wie er Geschich­ten erzählt.

Nach dem Gymna­sium studierte Isao Taka­hata fran­zö­si­sche Lite­ra­tur an der Univer­si­tät Tokio. Eines Tages ging er ins Kino, um (1952) zu sehen. Es war der erste fran­zö­si­sche abend­fül­lende Anima­ti­ons­film (also ein Film, der länger als eine Stunde dauert). Das sollte sein Leben verän­dern: Diese Entde­ckung beein­druckte ihn so sehr, dass er beschloss, Regis­seur zu werden. Das mag über­ra­schend sein, da er kein Zeich­ner war. Die Aufgabe eines Regis­seurs besteht jedoch darin, zu entschei­den, wie eine Geschichte erzählt wird, anstatt sie selbst zu zeich­nen: Er koor­di­niert die Umset­zung einer Idee in ein visu­el­les Werk. Er bestimmt Stil, Atmo­sphäre und Rhyth­mus des Films.

Isao Taka­hata begann in einem großen japa­ni­schen Studio zu arbei­ten. Dort lernte er den geni­a­len Zeich­ner Hayao Miyaz­aki kennen, mit dem er befreun­det wurde. Sie arbei­te­ten ihr ganzes Leben lang zusam­men. Ihr erster Film Taiyo no Oji Horus noDaibo­ken (1968), erzählt die fantas­ti­sche Geschichte eines klei­nen Jungen, der versucht, sein von einem Dämon ange­grif­fe­nes Dorf zu retten. Nach der Veröf­fent­li­chung verlie­ßen die beiden Kolle­gen das Studio und arbei­te­ten an einem weite­ren Film. Dafür schu­fen sie eine Figur, die in Japan sehr bekannt werden sollte: den Panda aus Die Aben­teuer des klei­nen Panda (1972).

Heidi

© Studio 100 International

Man bot ihnen anschlie­ßend an, die Aben­teuer der berühm­tes­ten Schwei­ze­rin als Fern­seh­se­rie zu adap­tie­ren: Heidi! In diesem Roman wird Heidi, ein Waisen­kind, von ihrer Tante ihrem Groß­va­ter anver­traut, einem einsa­men Mann, der in einem abge­le­ge­nen Chalet in den Schwei­zer Alpen lebt. Das Buch wurde ins Japa­ni­sche über­setzt und von vielen Menschen gele­sen. Taka­hata, Miyaz­aki und ihre Kolle­gen woll­ten eine realis­ti­sche Darstel­lung der Schweiz schaf­fen und beschlos­sen daher, vor Ort zu recher­chie­ren. Dies war das erste Mal, dass ein Anima­ti­ons­team direkt im Gelände recher­chierte. Sie reis­ten an verschie­dene Orte, insbe­son­dere in die Schwei­zer Berge, um zu verste­hen, wie die Menschen dort leben. Und das mit Erfolg, denn die Heidi-Serie (1974) war ein großer Erfolg, auch in der Schweiz.

Taka­hata und Miyaz­aki hatten mitt­ler­weile eine etablierte Karriere. Daher konn­ten sie 1985 ihren Traum verwirk­li­chen: Sie grün­de­ten ihr eige­nes Studio, das Studio Ghibli. Dort reali­sierte Taka­hata Filme, die sowohl in Japan als auch welt­weit großen Erfolg hatten. In Die letz­ten Glüh­würm­chen (1988) erzählt er die Geschichte zweier Kinder während des Zwei­ten Welt­kriegs, eine Erzäh­lung, die seiner eige­nen Erfah­rung nahe­kommt. Der Film zeigt die extrem schwie­ri­gen Momente des Krie­ges, aber auch die Liebe zwischen Bruder und Schwes­ter, die alles tun, um sich gegen­sei­tig zu unter­stüt­zen.

Taka­hata hatte eine klare Über­zeu­gung: Für ihn sollte Anima­tion von der realen Welt erzäh­len. Seine Filme zeigen Emoti­o­nen, den Alltag, zwischen­mensch­li­che Bezie­hun­gen… all das, was das echte Leben ausmacht, selbst wenn es schwie­rig ist.

Pom Poko (1994)

© Isao Takahata, Studio Ghibli, NH

Der Film Pom Poko (1994) spielt in den Tama-Hügeln, etwas außer­halb von Tokio. Dort leben die Tanuki. Sie müssen gegen ein riesi­ges Baupro­jekt kämp­fen, das ihren Lebens­raum bedroht. Tanuki sind Figu­ren der japa­ni­schen Folk­lore, inspi­riert von echten Tieren, die vor allem in Japan vorkom­men. Isao Taka­ha­tas letz­ter Film, Die Legende der Prin­zes­sin Kaguya (2013), erzählt die Geschichte eines beschei­de­nen Holz­fäl­ler­paars, das ein winzi­ges Baby in einem Bambus entdeckt. Sie ziehen es wie ihre eigene Toch­ter auf, doch Kaguya ist kein gewöhn­li­ches Kind. Der Film ist eine Adap­tion des ältes­ten bekann­ten japa­ni­schen Märchens.

Isao Taka­hata ist 2018 verstor­ben, doch seine Filme berüh­ren und inspi­rie­ren weiter­hin Milli­o­nen von Zuschau­e­rin­nen und Zuschau­ern. Im mudac kannst du sein Werk entde­cken sowie alle Etap­pen der Entste­hung eines Anima­ti­ons­films — vom Konzept über das Dreh­buch und das Story­board bis hin zu den fina­len Zeich­nun­gen.

Dieser Arti­kel wurde in Zusam­me­n­a­r­beit mit Carré Pointu verfasst, der klei­nen Zeitung, die ernst­haft lustig ist.