Les Mons­trueu­ses: Upcy­cling als krea­tive und zirku­läre Praxis

Die 2018 vom Schwei­zer Desi­g­ner Kévin Germa­nier gegrün­dete Marke "Ger­ma­nier" setzt auf Upcy­cling, also die Wieder­ver­wen­dung eines Gegen­stands oder Mate­ri­als, um dessen ursprüng­li­chen Wert zu stei­gern. Diese Praxis ist zwar keine zeit­ge­nös­si­sche Erfin­dung, wurde jedoch mit dem Aufkom­men der Fast Fashion Ende der 1980er Jahre, einem Modell, das auf einer stän­di­gen Erneu­e­rung der Trends und undurch­sich­ti­gen Produk­ti­ons­ket­ten basiert, an den Rand gedrängt.

Der Einsturz des Rana Plaza im Jahr 2013 in Dhaka, Bang­la­desch, sowie das wach­sende Bewusst­sein für die durch die Textil­in­dus­trie verur­sachte Umwelt­ver­schmut­zung haben deut­lich gemacht, dass das System der Produk­tion und des Vertriebs von Mode grund­le­gend über­dacht werden muss. In diesem Zusam­men­hang erscheint Upcy­cling heute wieder als ein Weg, den es zu beschrei­ten gilt, nicht mehr als diskre­ter Repa­ra­tur­vor­gang, sondern als selbst­be­wusste und bejahte Haltung. Der oft als mons­trös ange­se­hene Abfall wird zu einem wert­vol­len Element, zu einem Träger neuer Formen und Prak­ti­ken.

Ein Ansatz, der auf Wieder­ver­wen­dung und Aufmerk­sam­keit für Mate­ri­a­lien basiert

Diese Aufwer­tung von Rest­stof­fen ebnet den Weg für einen gewag­ten künst­le­ri­schen Ansatz. Durch visu­ell iden­ti­fi­zier­bare Stücke entwi­ckelt Kévin Germa­nier eine einzig­ar­tige Formen­spra­che. Sein Ansatz ist keines­wegs impro­vi­siert, sondern basiert auf einer stren­gen Aufmerk­sam­keit für die Mate­ri­a­lien. Die mit ihrer Wieder­ver­wer­tung verbun­de­nen Einschrän­kun­gen werden zu einem Motor für Inno­va­tion, wobei die Anfor­de­run­gen der Nach­hal­tig­keit bereits bei der Konzep­tion jedes Klei­dungs­stücks berück­sich­tigt werden.
Kévin Germa­nier verfolgt in seiner Arbeit einen Ansatz der Wieder­ver­wen­dung, indem er auf unge­nutzte Lager­be­stände und bereits produ­zierte Mate­ri­a­lien zurück­greift, um neue Stücke zu entwer­fen. Die verwen­de­ten Kompo­nen­ten sind oft Origi­nale, deren Umwand­lung das Ergeb­nis der Arbeit verschie­de­ner Perso­nen ist. Mehrere der präsen­tier­ten Klei­der wurden aus emble­ma­ti­schen Texti­lien herge­stellt, darun­ter Strick­wa­ren, die von Stri­cke­rin­nen aus dem Wallis, aber auch von Hand­wer­ke­rin­nen und Hand­wer­kern aus verschie­de­nen Ländern auf ethi­sche Weise gefer­tigt wurden. Diese Viel­falt unter­streicht den Reich­tum des einge­setz­ten Know-hows, sei es auf loka­ler oder inter­na­ti­o­na­ler Ebene.

Upcy­cling, Koope­ra­ti­o­nen und sozi­ale Dimen­sion

Im Raum Germ­an­stein vereint eine textile Chimäre die für die Arbeit des Desi­g­ners reprä­sen­ta­tivs­ten Mate­ri­a­lien: über­schüs­sige Perlen, ausran­gierte Pail­let­ten, recy­celte Fasern, unver­kaufte Texti­lien oder gesam­melte Frag­mente. Beweg­li­che Elemente aus Edel­stahl ermög­li­chen es den Besu­che­rin­nen und Besu­chern, direkt mit den Textu­ren der Germa­nier-Kollek­ti­o­nen in Kontakt zu treten und so die Palette der verwen­de­ten Ressour­cen und ihr Trans­for­ma­ti­ons­po­ten­zial zu entde­cken. Diese Werk­statt ist nicht der idea­li­sierte Ort, den man oft mit der Haute Couture asso­zi­iert, sondern ein sich stän­dig weiter­ent­wi­ckeln­des Labor, in dem Forschung sicht­bar und greif­bar wird.

Der Germanstein Saal.

© Guillaume Python

Der Germanstein Saal.

© Guillaume Python

Über das formale und ästhe­ti­sche Expe­ri­men­tie­ren hinaus hat der Ansatz von Kévin Germa­nier auch eine sozi­ale Dimen­sion. Einige Koope­ra­ti­o­nen sind Teil von Wieder­ein­glie­de­rungs­i­n­i­tia­ti­ven, die auf tech­ni­schem und krea­ti­vem Know-how im Bereich der Mode­ge­stal­tung basie­ren. Durch die Aufwer­tung von Produk­ti­ons­for­men, die oft mit indus­tri­el­len Kontex­ten oder auslän­di­schen Volks­wirt­schaf­ten in Verbin­dung gebracht werden, dekon­stru­iert die Ausstel­lung bestimmte Vorur­teile im Zusam­men­hang mit Fast Fashion und erin­nert daran, dass eine hand­werk­li­che Ferti­gung unter Achtung der Menschen­rechte auch ausser­halb der euro­pä­i­schen Gren­zen möglich ist, sofern die Produk­ti­ons­ket­ten jedes einzel­nen verwen­de­ten Elements kontrol­liert werden.

Eine zu 95 % upge­cy­celte Szeno­gra­fie

Um Abfall zu vermei­den, wurden für die Szeno­gra­fie vorran­gig recy­celte, gelie­hene oder gemie­tete Mate­ri­a­lien verwen­det. Dieser Ansatz steht im Einklang mit dem Nach­hal­tig­keits­ge­dan­ken des mudac und zielt auf eine nahezu voll­stän­dige Kreis­l­auf­wirt­schaft ab, die im Rahmen dieser Ausstel­lung in Über­ein­stim­mung mit der Marke Germa­nier zu fast 95 % erreicht wird.
Im ersten Raum werden die Kollek­ti­o­nen in einer Raum­ge­stal­tung präsen­tiert, die aus Mate­ri­a­lien aus der Welt der Mode gestal­tet wurde. Die Manne­quins sind gemie­tet, die Spie­gel wurden von der École de la construc­tion de Morges (Abtei­lung Spie­gel­bau) ausge­lie­hen und werden anschlie­ßend von den Studie­ren­den wieder­ver­wen­det, während die Sockel Elemente einer frühe­ren Ausstel­lung wieder­ver­wen­den. Der für diesen Anlass gemie­tete Teppich­bo­den spie­gelt die begrenzte Verfüg­bar­keit von wieder­ver­wer­te­ten Mate­ri­a­lien in dersel­ben Farbe wider.
Auch der zweite Raum basiert auf Wieder­ver­wen­dung. Die Zwischen­de­cke stammt aus frühe­ren Ausstel­lun­gen, während die zentrale Struk­tur, die von einem Kuri­o­si­tä­ten­ka­bi­nett inspi­riert ist, aus Holz gefer­tigt wurde, das aus den vom mudac übli­cher­weise verwen­de­ten Balken stammt. Diese Konstruk­tion, die modu­lar, stabil und verfüg­bar ist, wird in das Lager des Muse­ums aufge­nom­men, um bei zukünf­ti­gen Ausstel­lun­gen wieder­ver­wen­det zu werden.
Die folgen­den Räume, die wie ein Labor konzi­piert sind, verei­nen Elemente, die bereits in mehre­ren frühe­ren Ausstel­lun­gen verwen­det wurden. Durch ihre Wieder­ver­wen­dung wird ihre Lebens­dauer verlän­gert und gleich­zei­tig die Herstel­lung neuer Vorrich­tun­gen vermie­den. Der letzte Raum, der voll­stän­dig von Kévin Germa­nier gestal­tet wurde, spie­gelt sein Enga­ge­ment für Upcy­cling und umwelt­be­wuss­tes Handeln wider und schafft so eine Konti­nu­i­tät zwischen den Entschei­dun­gen des Desi­g­ners und denen des Muse­ums.

Der erste Saal.

© Guillaume Python

Der zweite Saal.

© Guillaume Python

Der dritte Saal.

© Guillaume Python

Der vierte Saal.

© Guillaume Python

Eine gemein­same Kreis­lauf­pra­xis

In Les Mons­trueu­ses erscheint Upcy­cling als eine zentrale Praxis, die zugleich künst­le­risch, sozial und szeno­gra­fisch ist. Auf der Grund­lage vorhan­de­ner Mate­ri­a­lien, unge­nutz­ter Lager­be­stände und viel­fäl­ti­ger Fach­kennt­nisse beleuch­tet die Ausstel­lung eine andere Art des krea­ti­ven Denkens, die auf der Umwand­lung, Verwer­tung und Zirku­la­tion von Ressour­cen basiert.
Diese Carte blan­che spie­gelt eine gemein­same Vision des mudac und von Kévin Germa­nier wider: die eines zeit­ge­nös­si­schen Schaf­fens, das ökolo­gi­sche, sozi­ale und ästhe­ti­sche Heraus­for­de­run­gen inte­griert und in dem die Wieder­ver­wen­dung zu einem Feld des Expe­ri­men­tie­rens und der Inno­va­tion wird.