Greif­bar: Von einem Okto­pus bis zu einer Zitru­s­presse

Arti­kel verfasst von Marie Jolliet

Philippe Stark, Juicy Salif

© Atelier de numérisation de la Ville de Lausanne

In unserem Alltag nutzen wir eine Vielzahl von Gegenständen, die von Designern entworfen wurden, ohne wirklich darüber nachzudenken. Um die Rolle des Designs besser zu verstehen, schauen wir uns ein vertrautes Objekt an, das fast alle von uns besitzen: die Zitruspresse.

Produkt­de­si­g­ne­rin­nen und -desi­g­ner entwer­fen unter ande­rem alles, was wir in unse­rem Leben nutzen, um zu wohnen, zu arbei­ten, zu essen, uns zu unter­hal­ten und zusam­men­zu­le­ben. Das Produkt­de­sign konzen­triert sich auf die äuße­ren Eigen­schaf­ten, die wir wahr­neh­men – also das Erschei­nungs­bild eines Objekts –, wie Form, Größe, Farbe, Gewicht, Mate­rial, Haptik, Funk­ti­o­na­li­tät sowie die Botschaft, die das Objekt vermit­teln soll. Um diese Botschaft fest­zu­le­gen, beschäf­ti­gen sich Desi­g­ne­rin­nen und Desi­g­ner unter ande­rem damit, wie wir ein Objekt nutzen oder nutzen soll­ten. Aber auch andere Über­le­gun­gen spie­len eine Rolle. Zum Beispiel fragen sie sich, welche Werte und Vorstel­lun­gen einer Kultur oder einer bestimm­ten Gruppe durch das Produkt vermit­telt werden sollen.

Ein Alltags­ge­gen­stand aus der Sicht des Desi­gns

Desi­g­ne­rin­nen und Desi­g­ner arbei­ten nicht nur an der Gestal­tung von Produk­ten, sondern inter­es­sie­ren sich zuneh­mend auch für ganz unter­schied­li­che Aufga­ben­be­rei­che. Sie entwi­ckeln Ansätze, die neue Fragen über die Gesell­schaft, in der wir leben, über die Tech­no­lo­gien, die unse­ren Alltag prägen, über die Dinge um uns herum sowie über die poli­ti­schen Systeme und Gesetze, die unser tägli­ches Leben bestim­men, aufwer­fen.

Hier beschäf­ti­gen wir uns mit Produkt­de­sign und schauen uns ein ganz gewöhn­li­ches Alltags­ob­jekt genauer an. Sie können es höchst­wahr­schein­lich bei sich zu Hause finden: die Zitru­s­presse. Gehen Sie in Ihre Küche und beob­ach­ten Sie die Form dieses Objekts und seine Gestal­tung. Ist es eine zwei­tei­lige Presse oder besteht sie aus einem einzi­gen Teil? Wie ist sie dafür gedacht, den Saft zu pres­sen und aufzu­fan­gen? Finden Sie sie prak­tisch in der Anwen­dung? Ist sie leicht zu reini­gen? Und gefal­len Ihnen ihre Form, ihr Mate­rial oder ihre Farben?

Das sind Fragen, die sich Desi­g­ne­rin­nen und Desi­g­ner stel­len, wenn sie an einer Gestal­tung arbei­ten. Sie arbei­ten dabei nicht allein: Schon von Anfang an tauschen sie sich häufig mit Marken oder Unter­neh­men aus, die das Objekt später produ­zie­ren. Außer­dem erhal­ten sie Unter­stüt­zung von Fach­leu­ten wie Hand­wer­ke­rin­nen und Hand­wer­kern, Inge­ni­eu­rin­nen und Inge­ni­eu­ren, Mate­ri­al­ex­per­tin­nen und -exper­ten, Marke­ting­fach­leu­ten oder ande­ren, je nach Projekt. Diese Perso­nen helfen dabei, das Produkt so zu entwi­ckeln, dass es den Anfor­de­run­gen des Auftrag­ge­bers oder der Desi­g­ne­rin bzw. des Desi­g­ners entspricht.

Eine nicht ganz gewöhn­li­che Zitru­s­presse

Auch wenn viele Objekte sich oft ähnlich sehen, expe­ri­men­tie­ren Desi­g­ne­rin­nen und Desi­g­ner gerne mit Formen, um eine Botschaft zu vermit­teln und ihre Krea­ti­o­nen begeh­rens­wert zu machen. Ein gutes Beispiel ist das Objekt, das Sie oben sehen. Hätten Sie erkannt, dass es sich um eine Zitru­s­presse handelt? Ihr Erfin­der ist der berühmte fran­zö­si­sche Desi­g­ner Phil­ippe Starck.

Dahin­ter steckt eine amüsante Geschichte – zumin­dest wird sie so erzählt: Er aß in einem Restau­rant in Italien Okto­pus, als ihn die Form dieses Tieres zu dieser unge­wöhn­li­chen Zitru­s­presse inspi­rierte. Außer­dem hätte er gut etwas gebrau­chen können, um die Zitrone zu seinem Gericht auszu­pres­sen. Phil­ippe Starck skiz­zierte seine Idee direkt auf eine Papier­ser­vi­ette und schickte sie an seinen Freund Alberto Alessi, den Direk­tor der berühm­ten italie­ni­schen Desi­gnmarke Alessi. Dieser war begeis­tert und beschloss, das Projekt umzu­set­zen, also zu produ­zie­ren und zu verkau­fen. Das endgül­tige Modell wurde aus gegos­se­nem Alumi­nium herge­stellt und ist 29 cm hoch.

Alberto Alessi lag rich­tig: Die Zitru­s­presse wurde zu einem der bekann­tes­ten und meist­ver­kauf­ten Objekte der Marke. Sie gilt sogar als Ikone des zeit­ge­nös­si­schen Desi­gns und wird für ihre mutige und neue Form bewun­dert. Phil­ippe Starck hat damit völlig neu defi­niert, wie ein solches Objekt ausse­hen kann. Die ursprüng­li­che, fettige und fleckige Servi­ette mit der Skizze wird heute sogar im Alessi-Museum in Italien aufbe­wahrt!

Aller­dings wurde dieses Alltags­ob­jekt bei seiner Einfüh­rung Anfang der 1990er Jahre auch kriti­siert, weil es nicht beson­ders prak­tisch ist. Sie haben viel­leicht bemerkt, dass es – im Gegen­satz zu den meis­ten Zitru­s­pres­sen – keinen Behäl­ter zum Auffan­gen des Saftes gibt. Statt­des­sen stellt man ein Glas zwischen die Beine dieses unge­wöhn­li­chen Objekts. Diese beson­dere Nutzung wirft Fragen zur Funk­ti­o­na­li­tät auf, also dazu, wie man das Objekt benutzt. Phil­ippe Starck wollte bewusst mit der Vorstel­lung brechen, dass beim Design zuerst die Funk­tion und dann die Form kommen muss. Er sagte sogar, dass seine Zitru­s­presse nicht dazu gedacht sei, Zitro­nen auszu­pres­sen, sondern Gesprä­che anzu­sto­ßen, da sie Neugier weckt. Sie ist fast wie eine Skulp­tur. Man kann sich gut vorstel­len, wie sie in einer Küche Gesprä­che mit neugie­ri­gen Gästen auslöst. Mit diesem Objekt wollte er ein wenig Fanta­sie und Poesie in den Alltag brin­gen und einen gewöhn­li­chen Moment in ein beson­de­res Erleb­nis verwan­deln.

Dieser Arti­kel wurde in Zusam­me­n­a­r­beit mit Carré Pointu, der klei­nen ernst­haft witzi­gen Zeitung, verfasst.