Die Geschichte weben, die Gegenwart hinterfragen
Von Marco Costantini und Magali Junet
Le Triomphe de Titus et Vespasien, tenture de l’Histoire de Titus et Vespasien, 1668-1688, manufacture de Guillaume van Leefdaal d’après le modèle de Charles Poerson
© © Fondation Toms Pauli Lausanne, acquisition 2023
«Die Tapisserie ist letztlich ein Schauspiel, dessen Kulissen es zu besuchen gilt.»
Pierre Pauli[1]
Als wirkungsvolles Kommunikationsmittel beweist die Tapisserie eine Ausdruckskraft, die im Laufe der Zeit nichts von ihrer Wirkung eingebüsst hat. Über die Jahrhunderte hinweg bewahrte sie die Zweckmässigkeit ihrer Funktion zur Vermittlung politischer und sozialer Botschaften und als künstlerisches Medium, das die Ambitionen und Anliegen seiner Zeit spiegelt. Im Mittelalter und in der Renaissance waren prachtvolle Wandteppiche in den Machtzentren von Königen, Fürsten und geistlichen Würdenträgern zu sehen, wo sie eine repräsentative, dekorative, symbolische und belehrende Rolle spielten. Einige Stücke, die sich transportieren liessen und geeignet waren, den Herrscher auf seinen Reisen zu begleiten, bildeten mobile Galerien für historische Erzählungen und zeitgenössische Ambitionen. Über ihre Hauptfunktion als Kälteschutz und ihre gefeierte Schönheit hinaus dienten die von den Eliten in Auftrag gegebenen Tapisserien ihren Besitzern zur politischen, wirtschaftlichen oder moralischen Selbstdarstellung.
Der berühmte Teppich von Bayeux, eine lange Stickarbeit, die im 11. Jahrhundert angefertigt wurde, ist beispielsweise eine visuelle Erzählung der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066. Er illustriert nicht nur ein historisches Ereignis, sondern verbreitet auch politische Propaganda zugunsten Wilhelms des Eroberers.
Der um 1550 in Brüssel gewirkte Wandteppich Die Eroberung von Tunis erinnert an die Talente Kaiser Karls V. während seines Feldzugs gegen den Korsaren Khair ad-Din Barbarossa. Dagegen erzählen zahlreiche Tapisserien aus der Renaissance- und Barockzeit von den Heldentaten römischer Kaiser und Heerführer (Alexander, Konstantin, Scipio Africanus oder Titus und Vespasian), deren ruhmreiche Erfolge zur Ausstrahlung ihrer Auftraggeber beitrugen. So wurde der Wandteppich mit den Taten des Scipio Africanus zwischen 1532 und 1535 erstmals für den französischen König Franz I. angefertigt und dann während 200 Jahren mehrmals neu gewirkt – unter anderem um 1660 für Luis Francisco de Benavides Carrillo de Toledo, Marquis von Caracena und Gouverneur der Spanischen Niederlande[2].
Die Tapisserie ist auch ein Mittel, um zu erklären und überzeugen. Als doppelter Spiegel zwischen Darstellungs- und Anfertigungszeit bilden die gewirkten Erzählungen ein Instrument der Erinnerungsarbeit und liefern eine Version der Vergangenheit, die den persönlichen und politischen Interessen ihrer Auftraggeber entspricht. Losgelöst von seinem historischen Status als seltenes Luxusobjekt, erlebte das Medium nach dem Zweiten Weltkrieg einen unerwarteten internationalen Aufschwung, gefördert von berühmten französischen Entwerfern und Webern sowie jungen Künstler:innen, die hauptsächlich aus osteuropäischen Ländern stammten. Die letzteren betrachteten Ende der 1960er-Jahre den Faden und dessen vielfältige und gelegentlich überraschende Natur als Materie, die sich für die Entstehung einer neuen Kunst- und Ausdrucksform eignete: ein Medium, das die Grenzen zwischen angewandter und zeitgenössischer Kunst, Dekoration, Politik und Gesellschaft sprengte. Auf spektakuläre Weise eröffneten die Tapisserie und die Textilkunst eine Ära fast unbegrenzter Reflexion und Kreativität, insbesondere dank des Wettbewerbs, den die Internationale Biennale der Tapisserie in Lausanne (1962–1995) bei Kunstschaffenden und Kulturinstitutionen auslöste.
Seit fünfzehn Jahren nehmen das Interesse für die Tapisserie und deren Ausstrahlung in der zeitgenössischen Kunst ständig zu, gefördert von jungen Textilkonservator:innen sowie Ausstellungskurator:innen und Kunstschaffenden unterschiedlicher Ausrichtungen und Ausbildungswege[3]. Das Medium begeistert zahlreiche multidisziplinäre Künstler:innen, die selbst am Webstuhl sitzen, neue Technologien erproben sowie Ausdrucks- und Darstellungsmöglichkeiten erkunden, die an der Schnittstelle zwischen traditionellem Fachwissen und einer in Gegenwart und Innovation verankerten Vision liegen.
Einer der auffälligsten Aspekte dieses Wiederauflebens ist die Rolle, die der Tapisserie häufig als kritisches und engagiertes, doch vor dem 20. Jahrhundert nur selten genutztes Medium zugesprochen wird. Im Gegensatz zu ihrer klassischen Funktion der mit Macht und Prestige verbundenen Selbstdarstellung wird sie im 20. und 21. Jahrhundert zu einem Mittel, um an die politischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit zu erinnern. Sie behandelt Themen wie Identität, Meinungsfreiheit, Klasse und Geschlecht, aber auch gesellschaftliche, ökologische oder künstlerische Probleme, um sie zu hinterfragen, zu untersuchen oder sogar anzuprangern. Erneut in den Vordergrund der Kunstszene gerückt, übernimmt die Tapisserie heute wieder ihre doppelte Funktion als Dekor und mächtiges Mittel der Kommunikation, der Propaganda gemäss ihrer alten Tradition sowie der Beobachtung und Kritik in einer eher zeitgenössischen Erscheinungsweise.
Im Umfeld dieser jüngsten Entwicklung der Gattung spielen Grayson Perry und Goshka Macuga eine Pioniertolle: Mit ihren monumentalen Tapisserien gehören sie zu den Ersten, welche die Spannungen der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, die sozialen und politischen, persönlichen, gemeinschaftlichen und universellen Kämpfe analysieren und kommentieren. Parallel dazu oder ihrem Beispiel folgend wählen andere Kunstschaffende – Tracey Emin, William Kentridge, Otobong Nkanga, Irène Kopelman oder Laure Prouvost und Malgorzata Mirga-Tas, um nur einige anzuführen – die Tapisserie, um nachdrücklich und entschlossen ihre Sicht auf Gesellschaft, Kunst und Weltgeschehen zum Ausdruck zu bringen. So schaffen sie – oft in Zusammenarbeit mit spezialisierten handwerklichen oder digitalen Ateliers – Arbeiten, die von ein und demselben Engagement künden und ästhetische Experimente wie gesellschaftspolitische Botschaften beinhalten. Ihre Wirkereien reihen sich zudem, nicht zum Missfallen ihrer Urheber:innen, in eine Bewegung zur Wiederbelebung handwerklicher Praktiken in der zeitgenössischen Kunst ein. Diese Verknüpfung von klassischer Tradition und technologischer Innovation, Verherrlichung oder Anprangerung trägt dazu bei, die Tapisserie als besonders relevantes Medium in der zeitgenössischen und internationalen Kunstlandschaft neu zu positionieren.
Den glorreichen Erzählungen der Antike – über Scipio, Hannibal oder die Triumphe von Titus und Vespasian – oder auch den berühmten Tapisserien mit Szenen aus dem Leben Noahs oder der Apostelgeschichte – entsprechen bei Perry und Macuga andere Narrative und Praktiken. Perry lässt sich von Tapisserien und Historienbildern des Mittelalters und der Renaissance inspirieren, um heutige Geschichten zu gestalten, die von scharfsinnigen Darstellungen der sozialen und identitären Kultur oder des Konsums in Grossbritannien geprägt sind. Macuga versteht die Tapisserie als eine Art visuelles Archiv: eine Assemblage von Momenten aus Gegenwart und Vergangenheit, die dazu dienten, die offensichtlichen Mechanismen von Machtstrukturen und kollektivem Gedächtnis zu hinterfragen. Dafür komponieren die beiden dichte, eindrucksvolle und komplexe Szenen, in denen historische, allegorische und zeitgenössische Figuren, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder enge Vertraute, gelegentlich sogar ihre Selbstporträts aufeinandertreffen. Diese unmöglichen Begegnungen schaffen reichhaltige Welten, welche die Betrachtenden zum Nachdenken anregen und sie einladen, an den historischen, philosophischen und plastischen Dialogen teilzunehmen, die durch die Tapisserien und ihre spezifische räumliche Anordnung entstehen.
Macugas und Perrys Wirkarbeiten sind stark in der Gegenwart verwurzelt und zeigen, dass dieses Medium genauso prägnant und relevant sein kann wie jede andere Form zeitgenössischer Kunst. Die Serien Of what is, that it is; of what is not, that it is not (2012) der polnischen Künstlerin und The Vanity of Small Differences (2012) des britischen Künstlers sind in diesem Sinne scharfsinnige Beobachtungen und Kritiken der zeitgenössischen Kultur. Die Tapisserien der beiden werden unter der Leitung spezialisierter Programmierer maschinell auf hochmodernen Jacquard-Webstühlen angefertigt und erfordern einen langen Entwurfs- und Experimentierprozess. Dennoch sind sie deutlich weniger kostenaufwändig und schneller herzustellen als die Tapisserien vergangener Jahrhunderte.
Durch die Neuerfindung der Beziehung zwischen Tradition und Moderne, Erinnerung und Beglaubigung beweist die Tapisserie des 21. Jahrhunderts, dass sie mehr denn je ein lebendiges und zweckdienliches Medium ist, das eine materielle und greifbare Alternative zu den digitalen Bildern bietet, die unseren Alltag überschwemmen. In diesem Sinne versteht sich die Ausstellung «Am Webstuhl der Zeit» als Bekenntnis zur Fülle und Komplexität der Tapisserie im Kontext des 21. Jahrhunderts. Durch die Vereinigung von Werken, die einen Dialog mit der Geschichte führen und sich zugleich den Herausforderungen der Gegenwart stellen, zeugt sie von der Vitalität dieser Praxis und von ihrer Fähigkeit, Techniken, Formen und Erzählungen mit neuer Kraft zu aktivieren. Ob es sich um persönliche Fiktionen, kollektive Chroniken oder internationale Kritiken handelt, alle ausgestellten Werke setzen auf ihre Weise die Tradition der Bildwirkerei fort und verleihen ihr eine neue Schärfe. «Am Webstuhl der Zeit» lädt dazu ein, die Tapisserie als Ort des Denkens, Wissens und Austauschs zu betrachten, an dem Erinnerung, Engagement und Kreativität in einem Medium aufeinandertreffen, das bedeutsames Kunstwerk, Diskurs und Denkmal ist.
Dieser Artikel ist in der Publikation Tisser son temps zur Ausstellung zu finden und im Buchladen erhältlich.